deutsch | english
EU AT

Mein Bild von Mitteleuropa

Wladyslaw Bartoszewski
Polnischer Außenminister aD, Historiker, Buchautor

Der Reichtum unseres europäischen Kontinents bestand immer in seiner Vielfalt, der Vielfalt von Völkern und Überlieferungen, die auf gemeinsamen Traditionen ruhen, sich aus den gleichen Wurzeln entwickelt haben. Das europäische Abendland ist geprägt vom griechischen Denken, vom römischen Recht, vom christlichen Glauben. Humanismus, Renaissance und die Reformation haben ebenso zu dem Bild des christlichen Abendlandes beigetragen, wie später die Aufklärung und die moderne Wissenschaft.

Jahrhundertelang war Europa das Zentrum der Zivilisation, das die Geschicke und den Lauf der Geschichte bestimmte. Seine Rolle in der Welt ist wichtig und wird auch weiterhin wichtig sein, sie kann es aber auf Dauer nur dann bleiben, wenn die gemeinsamen Werte, die sich in den vergangenen Jahrhunderten trotz so mancher schweren Proben bewährt haben, weiter berücksichtigt und gepflegt werden.

Im Laufe meines langen Lebens habe ich viele Machtverhältnisse gesehen, die meistens – wie sich sehr bald herausstellte – nur ein illusorisches Sicherheitsgefühl vermittelten. Das Leben und die ökonomischen Herausforderungen bringen viele unvorhergesehenen Überraschungen mit sich.

Gesunde Interessensgemeinschaften ohne sentimentale Illusionen aber auch ohne den Verzicht auf den Glauben in große Ziele und Werte, sind eine gute Basis für eine stabile und sichere Zukunft.

Auf die momentane, scheinbare Stabilität zu gründen, ist dagegen kurzsichtig und darüber hinaus gefährlich.

Wir wollen daher ein effektives Europa, das den künftigen Herausforderungen gewachsen wäre. Wir wollen aber zugleich ein Europa, das nicht zum bloßen Supermarkt wird, sondern auf dem dauerhaften Fundament des gemeinsamen zivilisatorischen Erbes basiert. Gerade dieses Erbe und seine Akzeptanz sollten über die Zugehörigkeit zum Europa und zu den europäischen Institutionen, die seine Identität definieren, entscheiden.

Papst Johannes Paul II hat in einem seiner bekannten Sprüche das Europa der Nachkriegszeit mit einem Menschen verglichen, dem eine Lunge fehlt. Es mag zwar durchaus möglich sein, in einem solchen Zustand zu überleben. Auf Dauer scheint es mir dennoch eine höchst unangenehme körperliche Verfassung zu sein und an sportliche Leistungen ist dabei schon gar nicht zu denken. Die Globalisierung verlangt aber nach herausragenden Leistungen. Und deswegen, um in Form zu sein, sollte Europa über beide Lungen verfügen. Nur jung im Geiste und im Körper lassen sich wirtschaftliche »Medaillen« gewinnen.

Bei all den notwendigen Diskussionen über Fragen politischer und wirtschaftlicher Natur, die uns in den letzten Jahren, Monaten und Wochen im Zusammenhang mit der fortschreitenden Erweiterung der Europäischen Union beschäftigten, sollten wir jedoch nicht vergessen, dass neben der europäischen Gemeinschaft auch so etwas wie eine europäische Gemeinsamkeit existiert. Die europäische Gemeinsamkeit im Geistigen, im Denken, in der Wissenschaft, in der Kultur, in der Kunst wird – wie schon mehrmals zuvor – die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Systeme überdauern. Sie bildet die eigentliche Basis für standhafte Einheit, ein Fundament aus dauerhaften geistigen Bindungen. Keine Trennungslinie und keine politische Teilung kann die gemeinsame, tief verwurzelte Hierarchie der Werte abschaffen, wenn die Menschen das nicht wollen – das haben uns der Eiserne Vorhang und die Berliner Mauer gezeigt. Nun sind wir als Christen und einfach als denkende Menschen verpflichtet, die mancherorts noch existierenden Trennungslinien auf jede mögliche Weise zu überwinden und die restlichen Folgen der jahrzehntelangen Trennung abzuschaffen.

Das mangelnde Bewusstsein dieses europäischen Zugehörigkeitsgefühls, des geistigen Grundsteins, auf dem das europäische Haus zu errichten ist, kann dagegen alle Integrationsbestrebungen zunichte machen und das ambitionierte Europa zum bloßen Umschlagplatz für Waren und Dienstleistungen verkommen lassen, wie dies Johannes Paul II 1997 anlässlich des Andenkens an den Tod des Heiligen Adalberts im polnischen Gnezen feststellte: »In Europa wird es keine Einheit geben, solange diese nicht auf der Einheit des Geistes beruht.«

Nicht ohne Grund rückt immer öfter das Thema der geistigen Grundlagen der erweiterten Union in den Vordergrund. Denn die EU ist weder schlicht geographischer Begriff, noch nur eine Wirtschafts- und Währungsunion; sie ist gemeinsame Teilung der Werte und Geschichte. Diese Feststellung sollte aber ebenfalls in der europäischen Gesetzgebung und in der eindeutigen Bestimmung der fundamentalen, nicht nur ethischen, sondern auch religiösen Werte, Reflex finden. Je größer die kulturelle, religiöse, ethnische Verschiedenheit, desto größer das Bedürfnis nach geistiger Einheit. Sollte es aber nicht gelingen, ein Minimum an geistiger Einheit zu erreichen, kann das zu Spannungen führen. Das Postulat der gemeinsamen Werte ist also bei dem Aufbau Europas, auch als geistiger Gemeinschaft, unumgänglich [...] Die Rückkehr zu den Wurzeln und zu der christliche Inspiration heißt aber nicht, etwas aufnötigen zu wollen oder das Rad der Geschichte rückwärts laufen zu lassen. Es ist, wie Johannes Paul II. in Erinnerung bringt, »ein großer Reichtum, der erlaubt, die feste Einheit Europas aufzubauen.«

Dieser Reichtum besteht vor allem in der allen Europäern gemeinsamen, durch Jahrhunderte gestalteten Begriffshierarchie, einer verbindenden Instanz, welche die Menschen über sprachliche, nationale und staatliche Grenzen hinweg einander näher bringt. Ich denke daran, was Millionen von uns in Europa gemeinsam war: Die Selbstverständlichkeit von Begriffen wie Freiheit, Menschenwürde, Ehrfurcht vor dem Leben, die negative Einstellung gegenüber allen Formen der Übermacht und Gewalt, die Solidarität mit den Verfolgten, die Sorge für die Schwachen und Wehrlosen, ein besonders ausgeprägter Schutz für Mutter und Kind. Für junge Menschen, die vor dem Zweiten Weltkrieg in meiner Heimat erzogen wurden, waren dies selbstverständliche, in ganz Europa allgemein verpflichtende Werte. Der September 1939 und die nachfolgenden Jahre waren daher nicht nur eine Periode von Leidenserfahrung und Opferbereitschaft im Kampf um die Freiheit und Unabhängigkeit der durch die Naziherrschaft bedrohten Länder, sondern auch der Versuch, diese moralische Ordnung – unsere gemeinsame moralische Ordnung – zu verteidigen.

Heute ist die sogenannte Bewältigung der Vergangenheit vor allem durch das Näherrücken und das gegenseitige bessere Verständnis von möglichst vielen Menschen erreichbar. Es geht hier keineswegs um die Verdrängung, sondern viel mehr um das ehrliche Interesse für die Fakten und für die Geschichte, die uns näher bringen muss, wie die totalitären, autoritären Kräfte die demokratischen Systeme, die Menschheit und jeden von uns bedrohen.

Mitteleuropa existierte damals noch, später ist der Begriff und mit ihm das gerade für Österreich so wichtige Gefühl der mitteleuropäischen Identität unklar geworden. Europa schien nur noch aus Osten und Westen zu bestehen. Erst heute erleben wir eine wahre Wiederbelebung des mitteleuropäischen Bewusstseins und versuchen uns dabei zu erinnern, dass Europa immer dann groß und einflussreich war, wenn sich seine unterschiedlichen gesellschaftlichen Strukturen, seine kulturellen, religiösen, ethischen und ideologischen Ideen, Weltbilder, Sprachen, Wirtschaftsideen, politische und unternehmerische Aktivitäten gegenseitig ergänzen und befruchten konnten, d.h. wenn ein gegenseitiger Austausch stattfinden konnte.

Als 1918 das große Österreich-Ungarn in nationale Einzelstaaten aufgeteilt wurde, zerstörte man die »Symbiose« der verschiedenen Nationalitäten- und Bevölkerungsgruppen. Die daraus resultierende wirtschaftliche Not verstärkte die politischen Probleme. Hitler-Deutschland zerstörte auch die Lebensgemeinschaft z.B. der Juden, Tschechen und Deutschen in Prag, die in Jahrhunderten eine ganz besondere Kultur aufgebaut hatten, auf sehr unterschiedlichen, sich aber ergänzenden Eigenschaften basierend.

Daraus ergibt sich eine wichtige Lehre: ein in Kultur und Sprache einheitliches Europa zu schaffen ist nicht das wahre Ziel der Integration. Wichtig ist, die Besonderheit der einzelnen Nationen und Regionen zu erhalten, die die jeweilige Besonderheit und Originalität nicht zerstören, sondern im Gegenteil: fördern und unterstützen. Die Ursprünglichkeit und Besonderheit der Menschen sollten gestärkt und unterstützt werden. Das erfordert aber von allen die Bereitschaft zum Verstehen, zum a ufeinander Zugehen – die Bereitschaft, eine gemeinsame Kultur anzuerkennen.

Um es klarer zu sagen: Man macht gelegentlich die Entwicklung des nationalen Denkens in europäischen Staaten im vorigen Jahrhundert und nach dem Ersten Weltkrieg für die Bedrohung des Friedens in der Welt verantwortlich. Meiner Meinung nach ist das falsch: Europa hat es in einem langen und schwierigen Prozess geschafft, sich zu Nationen zu entwickeln, die viel Gemeinsames gefunden haben. Die Kriege in Europa waren vielmehr eine Entartung – schon jetzt überwundene Entartung – der Idee und der Praxis der freien nationalen Staaten.

Das künftige Europa hat nur bei der Erneuerung aus seinem Geist und aus seinen Gegebenheiten Chancen. Zu diesen Gegebenheiten gehören – trotz schmerzlicher Vergangenheit – doch die Nationalstaaten, die Vaterländer der freien Kulturvölker. Das vereinte Europa darf also in der näheren Perspektive nur ein Staatenbund der bestehenden Nationalstaaten sein, eine Idee, die nicht sehr weit von der Idee de Gaulles entfernt ist, seinem »Europa der Vaterländer«. In einem solchen Staatenbund muss der Sinn und Zweck nicht die scheinbare oder oberflächliche Integration sein, sondern vielmehr die Erfahrung der Völker und ihrer Kulturen im Geiste der gegenseitigen Achtung und Toleranz. Das ist sicher keine leichte Aufgabe, aber durchaus eine realistische und denkbare im Europa des 21. Jahrhunderts.

Anlässlich der damaligen Europafeier sagte Papst Johannes Paul II bereits 1982, als Europa noch geteilt war und keine Anzeichen auch nur darauf hindeuteten, dass eine Überwindung dieser Teilung in greifbarer Nähe liege: »Trotz blutiger Konflikte zwischen den Völkern Europas und trotz der geistigen Krisen, die das Leben des Kontinents erschüttert haben – bis zu den Fragen, die sich dem Gewissen unserer Zeit über seine Zukunft stellen-, muss man nach zwei Jahrtausenden seiner Geschichte zugeben, dass die europäische Identität ohne das Christentum nicht verständlich ist, dass gerade in ihm sich jene gemeinsamen Wurzeln finden, aus denen die Zivilisation des Kontinents erwachsen ist, seine Kultur, seine Dynamik, seine Unternehmungslust, seine Fähigkeit zur konstruktiven Ausbreitung auch in andere Kontinente, kurz: alles, was seinen Ruhm ausmacht. Auch in unserer Zeit bleibt die Seele Europas geeint, weil es über seinen gemeinsamen Ursprung hinaus von den gleichen christlichen und humanen Werten lebt wie beispielsweise der Würde der menschlichen Person, dem echten Gefühl für Gerechtigkeit und Freiheit, der Achtung vor dem Leben, der Toleranz, dem Wunsch zur Zusammenarbeit und zum Frieden, die seine charakteristischen Merkmale sind und es kennzeichnen.«

Meine persönlichen Erfahrungen eines Europäers, der jahrelang in der Hitler- und Stalinhölle gelebt und diese überlebt hat, haben mich überzeugt, dass die Menschen gezwungen sind, sich in gewissem Sinne anzupassen. Aber wenn wir diese gemeinsame Hierarchie der Werte, der geistigen Werte, bewahren wollen, gibt es keine Macht von Kanonen und Panzern, keine andere Macht, die uns dazu bringen kann, unsere eigene Geschichte, unsere Gesinnung und unser Bewusstsein zu verraten.

Mehrere Völker Mittel- und Osteuropas haben trotz der Isolation entschieden: Wir wollen in Europa bleiben. Diese Völker haben sich von dem Kontinent Europa und von dem abendländischen Erbe nie geistig losgelöst, weil sie ihre eigene Identität bewahren wollten. In diesem Sinne kann man sagen, dass sich die Polen, die Ungarn, die Tschechen, auch die Balten, mit der europäischen Teilung nach Jalta und Potsdam nicht abgefunden hatten, obwohl sie längere Zeit diese Ablehnung nur indirekt äußern konnten. Diese Teilung bedeutete nämlich für diese Völker das Aufzwingen eines Wertesystems, das ihrer eigenen Identität fremd war.

Unsere Aufgabe unter den veränderten Bedingungen ist es, sich unserer Kultur bewusst zu werden, unsere gemeinsame Kultur zu bewahren, zu entwickeln, zu bereichern. Das war schon früher – wenn auch im begrenzten Maße – über alle bestehenden Grenzen und ideologischen Gegensätze hinweg möglich. Unsere gemeinsame erlebte – oft schmerzlich erlebte – Geschichte kann uns in eine gemeinsame, bewusst gemeinsam angestrebte Zukunft führen. Es gilt, die historischen, kulturellen und menschlichen Gemeinsamkeiten in ganz Europa zu stärken. Gesellschaftliche Systeme und politische Grenzen trennten lange unser gemeinsames Europa. Sie konnten jedoch unsere kulturelle europäische Identität nicht zerstören. Die Europäer des 21. Jahrhunderts erwarten ein eindeutiges »Nein« zu Hassgefühlen. Sie erwarten Freiheit, Frieden. Im christlichen Abendland wissen wir, dass Frieden untrennbar mit Freiheit des Individuums verbunden ist. Daher gibt es also keinen wahren Frieden ohne Beachtung der Menschenwürde, ohne praktische Anerkennung und Realisierung der Menschenrechte, ohne Erziehung unserer Kinder im Geiste der Toleranz und der Demokratie, voller Achtung der Andersdenkenden.

Papst Johannes Paul II hat im Oktober 1988 – also unmittelbar vor der politischen Wende – in seiner Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg von der Zukunft Europas gesprochen: »Die vereinigten europäischen Völker werden die Vorherrschaft eines Volkes oder einer Kultur über die andere nicht zulassen, sie werden aber das gleiche Recht für alle unterstützen und sich gegenseitig durch ihre Verschiedenheit bereichern. Die Reiche der Vergangenheit, die versuchten, ihre Herrschaft auf Gewalt und Assimilation zu gründen, sind alle gescheitert. Euer Europa wird das des freien Zusammenschlusses aller seiner Völker und des Zusammenlegens der mannigfaltigen Reichtümer seiner Verschiedenheit sein. Andere Völker werden sich bestimmt denjenigen anschließen können, die heute hier vertreten sind. Als Oberhirte der Universalkirche, der aus Osteuropa kommt und der das Verlangen der slawischen Völker kennt – dieser anderen Lunge unserer europäischen Heimat – spreche ich den Wunsch aus, dass sich Europa – sich in letzter Instanz freie Institutionen gebend – eines Tages zu den Dimensionen ausarbeiten könnte, die ihm von der Geographie und der Geschichte gegeben wurden. Wie sollte ich das nicht wünschen, da die vom christlichen Glauben beseelte Kultur die Geschichte aller Völker unseres einzigen Europa tief gezeichnet hat – die Geschichten der Griechen, der Römer, der Germanen und der Slawen, trotz aller Schicksalsschläge und gegensätzlicher sozialer und ideologischer Systeme.«

Diese Vision ist, jetzt nach der Erweiterung der EU im Mai 2004, gerade dabei, sich zu erfüllen. Die Vision eines integrierten Europas freier Völker und freier Staaten – in Verbundenheit mit der geistigen und kulturellen Tradition des eigenen Volkes, im tieferen Verständnis für die Nachbarvölker, schließlich auch im Gefühl der kulturellen Zusammengehörigkeit mit der ganzen Menschheit.

Krakau, im April 2005